und da hat sie sich eingenistet
unter den haaren der haut
schieferplatten ineinandergekrallt
flechten die häuser sich
zur stadt
taucht sie in den farn
und nicht wieder auf
er: wo fangen wir an?
Nehebkau steht, als ein Fixstern, auf der Mitte der Bühne.
sie: mit dem monolog.
er: mit dem monolog. gut.
Nehebkau spricht: ruhig, deutlich und langsam. er bewegt sich hierbei nicht,
er hat keine mimik und keine gestik.
flüsternd treibt die schaar, das passieren, das passieren.
es ergibt sich, valdes schreibt auf einen zettel, schon tot schreibt er noch
auf einen erdachten zettel eine anzüglichkeit und faltet sie
wird daraufhin durchgereicht, zur schönen, schlanken
wie er sagt und man erinnert sich ihrer
ihrer unruhigen hände, ihre shiva hände, ständig am nesteln
der ruhigen augen, die viel zu alt, in die ferne der gezeiten stieren
um sie herum dieser maelstrom aus körper, so unruhig! fanden alle
der ihre augen betont, ein großer, flackernder lidschatten aus fleisch
man erinnert sich ihrer und weiß wen er meint
sie kichert beim lesen
soviel dazu.
ich nenne seinen namen, valdes.
ich nenne sein gesicht, zwei brauen, zwei augen, eines ein wenig offener als das andere. einen mund, eine hälfte etwas tiefer als die andere. eine nase,
die noch an zwei brüche erinnert, einer mit sechszehn, der nächste mit neunundzwanzig. 1982, im jahr des hundes geboren, 2006, im jahr des hundes verendet.
es treten auf:
Lisa, Florence, die Witwe Tanaka mit Tochter, Valdes
Nehebkau dreht den kopf zu ihnen, da sie die bühne betreten, er verfolgt sie mit seinem blick.
sie ziehen vor ihm daher und bleiben stehen, da sie die sicht auf ihn vollständig verdecken.
Nehebkau spricht weiter.
die welt der götter ist in drei teile zerbrochen
und wurde die farbe, der weg und die zeit.
seitdem passieren die menschen vor mir
und seitdem gibt es den tod.
vor mir passieren sie und hinter mir werden sie eins.
sie: Florence! wenn sie den zettel in der rechten halten beim auftritt, können die zuschauer ihn nicht sehen. könnten sie ihn in zukunft in der linken halten?
florence: sicherlich.
Florence nimmt den zettel in die linke hand.
florence: jetzt die unterhaltung mit valdes, ja?
sie: ja, die unterhaltung mit valdes. nicht lapidar werden, kein chit-chat, bleib in der rolle
Florence dreht den Kopf zu Valdes und lächelt.
Florence spricht.
das kam von ihnen, nicht?
Valdes setzt an zu antworten, sie lässt ihn aber nicht zu wort kommen.
sehr freundlich von ihnen, wirklich, danke sehr, vielen dank
aber nun wissen sie, es ist rührend, wirklich rührend, höchst rührend das alles
und doch, sie sollten wissen, falls sie nicht unterrichtet sind meine ich, sie sollten bescheid wissen, noch ein schritt und
dann, wie soll ich sagen, wie soll ich das ausdrücken, warten sie, mhm, ja dann, also dann wars das, nicht?
hier endet die reise, thank you for traveling, bitte aussteigen, auf nimmernimmer, verstehen sie?
Valdes nickt.
sie: also, valdes, fühlen sie sich in ihre rolle ein, wer sind sie? wo kommen sie her? wie sind sie aufgewachsen? warum schreiben sie den zettel?
valdes: nun, ich bin valdes, ich komme aus portugal, ich bin in ärmlichen verhältnissen aufgewachsen, aber auf bildung legte man wert.. ich habe mich nach oben gearbeitet, den zettel schrieb ich, um der frau zu imponieren.
sie: ja sicher, imponieren. aber warum jetzt? wenn sie nicken, wie nicken sie? ich meine, da muss doch was da sein?
valdes: amüsement vielleicht?
sie: ja! gut! amüsement! lächeln sie verhalten, sein sie amüsiert! also nochmal.
dann, also dann wars das, nicht?
hier endet die reise, thank you for traveling, bitte aussteigen, auf
nimmernimmer, verstehen sie?
Valdes nickt, sichtlich amüsiert.
Florence spricht weiter.
ja gut, aaalso, jetzt haben sie mich aber aus dem konzept gebracht
ich meine, guter mann, also ihre absichten, charmant, charmant
aber ich bereite mich hier aufs sterben vor, also nein, ich bereite mich hier aufs verschwinden vor. verstehen sie? ich meine, da fängt man doch keine romanze an, sozusagen, das ist ja dramatisch! da löst man sich vom leben, da hängt man im wartesaal, pudert sich das näschen noch ein letztes mal, alles los lassen, alles los lassen, sagt man sich und macht das auch noch
um am ende, ganz zum schluss, noch eine bekanntschaft zu schließen?
sich nochmal ans leben zu hängen, zwei minuten vor finish?
sie: ich glaube den letzten nebensatz streichen wir, die zwei minuten meine ich. können sie das nochmal ohne wiederholen?
ganz zum schluß noch eine bekanntschaft zu schließen?
sich nochmal ans leben zu hängen?
sie: ja das ist besser, viel besser. florence, valdes, vermerken sie sich das auch im textbuch. valdes, ich würde ihren monolog jetzt gerne vorziehen,
die szene mit florence ist mir noch zu instabil, da würde ich gerne noch mal ans textbuch und ein paar änderungen vor der nächsten probe vornehmen.
also überspringen wir das und gehen direkt in den monolog, ja?
also, florence, sie können dann schon gehen.
florence: wissen sie ob die bar gegenüber schon auf hat?
witwe tanaka: nein, erst ab 18 uhr.
florence: mhh, nagut, danke dir. naja, machts gut!
Florence ab.
sie: formation habt ihr im kopf für den monolog?
Witwe Tanaka und ihre Tochter gehen weiter nach links, Nehebkau in die hintere rechte Ecke, Valdes tritt vor.
sie: herr ansari, können sie den spot auf Tanakas richten?
ja, so ist gut. und dann die drei fluter, die von vorne bis hinten in der bühnenmitte. ja, da wo valdes steht. ich will so eine art lichtflur von vorne bis hinten. und der eiserne vorhang muss noch auf, können wir den hochziehen? ich brauche mehr tiefe für das stück.
ansari: das dauert aber n weilchen.
sie: kein problem, dann warten wir.
10 Minuten verstreichen. Tanakas Tochter setzt sich in der Zwischenzeit, Nehebkau und Valdes sprechen über einen Film im Kino, den sie zusammen gesehen haben. Tanaka wartet ruhig.
sie: okay, auf position bitte. valdes, monolog.
Valdes spricht.
die gestaute hitze zwischen den wänden der mietswohnung.
eine frau und ich, ein kater in der hinteren ecke des zimmers,
fünf pflanzen, jeweils ein porcellanteller als untersetzer.
ich erinnere den ventilator, sein geräusch, den staub im lichtblock
zwischen den halb zugezogenen vorhängen
und da hat sie sich eingenistet
unter den haaren der haut
eine idee oder ahnung.
Valdes dreht sich um und läuft bis zur hälfte des bühnenteils hinter dem eisernen vorhang, er steht fast im dunkeln.
wie sie die tasse an die lippen setzt
einen knaben am rocksaum
den atem ihres mannes im nacken
da tut es einen schlag und
die fenster bersten
in den raum
Pierrot sitzt am Fenster, sitzt am Fenster und schweigt
die Katze liegt verärgert auf dem Boden und weint
draußen laufen Bürger mit Tüten und ein Musikant
steht und raucht, steht und betrachtet Pierrot
der da sitzt und beide, beide schweigen
Manchmal weiß man um den anderen und liebt ihn dafür
liebt und schaut, Pierrot wird ganz sehnsüchtig und alt dabei
und es sind Momente wie diese in denen sich entscheidet
ob man etwas verliert oder los lässt, meint er zu erkennen
er meint das und lässt los, wie ein Elefant trottet die Schwermut
hinaus und es ist Pierrot, der die Schwermut gern als Elefanten sieht
Der Elefant breitet seine Schwingen aus und fliegt davon
beide, Pierrot und der Musiker, lächeln kaum merklich
der Musiker packt seine Geige und spielt
er spielt einen Fiebertraum von Schubert
die Katze liegt verärgert und weint
eins
die anmut der geschichte
ist nicht von der hand zu weisen
so fließt dröge und mäandernd
ein mythos in den nächsten
ich sehe fotografien und gemälde
von den malern, wie sie von der decke schweben
den spanischen soldaten, sie sprühen sprüche auf wände
an der verlassenen barracke steht an eine tür
geschrieben, mad dogs: israel, vietnam
in anmut, die geschichte
platon, glaube ich, war krank
familie goebbels mit dem schierlingsbecher
die jahre ziehen die vögel hinter sich her
über die himmel der erde, mit plastik in den mägen
mit öl im gefieder
wir sehen die abgegriffenen türklinken
der regierungspaläste, an denen sich das profil
der hände abreibt, täglich
jagen die nachrichten einander
in den gleichmut der geschichte
atmen wir uns frei von dieser drückenden last
jener verdichtungen der demographie
nach der die altbauten, die kirchen und die höfe
von den abrissbirnen des wirtschaftswachstums
die erde unseres kontinents mit staub aufschütten
die geschichte von der anmut,
zwischen paladio und himmler,
dem offenen brustkorb der architektur
und den monumenten gegen die angst
die angst zu verschwinden im maelstrom
oh trotzende anmut,
tschernyschewskis frage auf den lippen:
was tun?
was tun wenn
aus den französischen panzerluken die lächelenden köpfe,
am kapp, wo man die grenze zu kaufen gedenkt
um der einwanderung, den schiffen, den schiffen
der goldgläubigen afrikaner einhalt zu gebieten
dankt die lokale waffenlobby uns
um jede neue angst und jede neue panik
bis sich der brustkorb der architektur,
die angst, die angst zu verschwinden
im maelstrom, wieder schließt
die anmut eines igels
der seinen körper ballt
einer hand, die nichts mehr bauen wird
was tun?
zwei
‘tu n’as rien vu à hiroshima’
du hast nichts gesehen, in hiroshima
auf beiden augen blind
zartes frankreich, bittersüßes deutschland
und euer dangerflirt mit dem neuen exorzismus
der die geister der kultur
aus dem gedächtnis treiben soll
dass ihre alten bauten und ideen sich fremd anfühlen mögen
quietschvergnügt die entwicklungshelferlächler
auf den staubsanierten straßen der abgerateten nationen
deren zinssatz munter steigt
und von der lehre, aus dem kalten krieg
dass sich konflikte heute, vor fremden häusern auszutragen haben
vor denen man dann kisten voll
cornflakes und voll aspirin
vergessen liegen lässt
und wie die usa mit der nato
haltet ihr es mit der union
es tobt ein angriffskrieg im innern
nach dem ihr griechenland
und portugal, eben die nur vorneweg
und ein battalion andrer hinten dran
mit lohndumping und billigexport
in den ruin getrieben habt
der neue exorzismus der europäischen währungsunion
der neue marshall-plan, es wirkt
als sei von vornherein
klar gewesen, für manche
dass die einigung auf zeit, das hohle versprechen von sicherheit
eine wirtschaftsfalle war
aus der abhängigkeiten entstehen, von denen ihre opfer sich
auch auf jahre nicht mehr werden frei kämpfen können.
du hast nichts gesehen, in hiroshima
sagt alain renais japanischer akteur
zum französischen gegenpart des films
und doch ; sie berichtet weiter
die hitze von tausend sonnen auf dem platz des friedens
die hitze von tausend sonnen auf dem platz des friedens
aus dem rasenden zug
geht der blick auf das buschwerk
feingliedrig verwobene fenster
mit rahmen aus ästen und blättern
wir blicken verwundert hinaus
und sprechen darüber
wie die nahtlosen bilder entstehen
aus den häusern dahinter
oder den landschaften aus korn und mais
du fragst ob das denn
wirklich ist
und ich frage was denn
wirklich ist
und dann lachst höhnisch über meinen zynismus
den ich doch nie habe hinein legen wollen in die frage, sie war ehrlich gemeint
und ich bin enttäuscht
hätte mit dir an diesem abend
doch noch die welt in
feingliedrig verwobene fenster
mit rahmen aus ästen und blättern
aus dem rasenden zug
gehen unsere blicke ins feld
und der himmel
feingliedrig verwobene fenster
mit rahmen aus den kondens
- in kürze erreichen wir
streifen der flugzeuge
gefrorene abgase, in feinste kristalle verpackt,
licht brechend, licht brechend
dem horizont seinen schrecken nehmend
wäre dein lachen nicht gewesen
ich hätte darüber
noch gerne mit dir
- feingliedrig verwobene fenster
ich hätte darüber noch gerne mit dir gesprochen
in diesen letzten minuten
und sie hätten nicht genügt
und ich hätte über den bahnsteig hastend,
über meine schulter noch die letzten sätze
dir zu gerufen
diese intimität über die köpfe anderer hinweg
in all ihre ohren
und nur in deinen bliebe dieses klingeln
das einer fahrradklingel, ein einzigartiges
ein katzenglöckchen
meine stimme in der menge
durch stimmen verwobene fenster
aus schall ein erkennen
und wir verblieben dabei, still einvernehmlich
dass der himmel sich ähnlich verhält
wie die häuser
oder die felder aus korn und mais
mir genügt das
- worüber lächelst du?
mir genügt das wissen um die vorstellung
es hätte so
wenn nur dein lachen, meine wut über dein lachen
es will mir genügen, nur die vorstellung weil ich
diesen einen moment nur
diesen ärger nicht schlucken kann und von den eiskristallen
der flieger sprechen, bevor der sackbahnhof uns schluckt
bevor die stadt sich uns einverleibt
und wir wieder hunger bekommen, müde, müde, müde werden
unsere eingeschlafenen füße beginnen zu kribbeln und zu schmerzen
nichts verwoben nur lose verknüpft
die geschwindigkeit der anderen
die mir fremd ist
uns diktiert
- warum lächelst du?
und diktiert
und diktiert
es ist nichts.
es ist nichts, sage ich.
in ihren gerüchen
schwebt die intention
wie ein sanfter druck
an die wand
sie verblassen so viel später
als sie gehen
in den gestützten körpern
klingt ihr lachen hilflos
um die ecken nach
und so werfen alle blicke
die so belanglos sind
die so vieles bedeuten
und wir sind unberührbar
weil ständig neu
weil so umgeben
ach und so verhüllt
aus den winkeln unseres blickfelds
stiert und schuftet der instinkt
er wühlt in den erinnerungen
den blick doch stets nach vorn
sitzt er dort und wartet
sitzt wartend bis zum schluss
ich hätte etwas rufen mögen
zu der zeit
wo das echo ihnen noch
halbe sätze nachgetragen hätte
die sie hätten deuten müssen
und sie hätten es nicht vermocht
zu fern ach
so weit schon fort
zwanzig jahre sind vergangen und
zwanzig jahre sind die worte alt
und ich hätte sie noch sagen mögen
ob es heute wär
ob ich es zwanzig jahre nicht gesagt
durch die trümmerlandschaft geht
in meditation versunken
ein archetyp
das holz bricht fremd
für unsere ohren
innerhalb dieser
viel zu breiten geste
lauschen wir noch inbegriffen in das
und es vermengt sich
zu einem
und weil es in uns
noch wo anders zittert
ganz entfernt, in der erinnerung
fehlt es uns an fähigkeit zur angst
so also
staunen wir
staunen ob des epos
einer nicht erinnerbaren liebe
die sich in träume verschachtelt
und treibsand
die sich in träume verschachtelt
und treibsand
und weiter will es nicht gehen
und von vorne geht es
stolzgeschwellt
am übergang, wo ein schritt noch fehlt
steht die geste
ausgerüstet mit den parabolischen gewehren
dichterischer gewissheit
vorgelehnt, von vorn
gekrümmt, von hinten betrachtet
zwei kümmerliche beinchen
können kaum tragen
können kaum stehen
und ein großer, wiegender kopf
wiegend und schwer
sprechen wir darüber
beschwören wir sie:
goebbels mit hamsuns nobelgold
nobels stiernacken vor goebbels brust
steht die geste
über ihnen
mit einem blick auf die taschenuhr
es wird sich ein gleichnis finden lassen, für das
wenn die bemächtigung einsetzt
müssen sie da sein, die umgestoßenen erinnerungen
und wir werden sie wieder aufstellen müssen
und die geste unsere blaupause
und es wird eine neue choreographie
in die geschichte eingehen
gibt es ein eindeutigeres bild für sulamiths lagertanz
als schatten an den mauern (lagerfeuerschatten, tanzende schatten)
heute, wo erinnerbar erzählt kilogramme blei durch
nervenstränge und muskeln
menschen nahm
zum kollektiven eigentum, der erinnerbarkeit
einer, von gesten bemächtigten, körperlandschaft
fügt
verdichtet
konzentriert
gräbt die geste
schafft eigenschaft um eigenschaft
das haus steht am hang
vor einem kornfeld
sein anblick erinnert uns
dass zeit
ein aggregatszustand ist
auch die familie, die es bewohnt
sucht ein wort dafür
es steht in ihren grauen gesichtern
eine anspannung
die eigene sprache noch nicht gefunden zu haben
ein tisch ist gedeckt,
um seine funktion zu beschreiben.
die schwester spielt eine sonate von schubert,
nebenan weißt die mutter ihr lacken und weint.
vater und bruder haben schicht im erker.
dort kauern die beiden
und schweigen.
dort geht ihr atem ganz flach
und die luft
macht die augen ganz trocken
es hängt am hang ein haus
vor einem kornfeld
als wir einmal klopften,
an der tür,
da fiels schon fast ins meer.
ich kratze mir eine eloge zusammen
aus den resten der letzten vier filme, die ich sah.
den abend trinke ich
und warte durch das rauschen.
es sind die tragenden wände.
ich schneide bahn durch die masse, den raum.
mit meinem trinkspruch im kopf, mit scotch in den beinen
der mund trocknet mir aus.
sie hält das glas wie einen schild in ihrer hand
it is contemporary.
fugt sich in eine öffnung, in ihrer kontur
schließt etwas ab, hört auf glas zu sein.
ich suche einen satz
der ihr gesicht fällt.
eingerahmt, vom glatten haar.
ich will den maelstrom sehen,
hinter der sprunghaften mimik
die licht wie make-up trägt.
man kann so vielem nicht begegnen.
sage ich. komme an.
während hinter mir
der raum schmilzt.