[1. Platz im Literaturwettbewerb des O Livro Literaturforums, zum Thema: Europa]

eins

die anmut der geschichte
ist nicht von der hand zu weisen
so fließt dröge und mäandernd
ein mythos in den nächsten

ich sehe fotografien und gemälde
von den malern, wie sie von der decke schweben
den spanischen soldaten, sie sprühen sprüche auf wände
an der verlassenen barracke steht an eine tür
geschrieben, mad dogs: israel, vietnam
in anmut, die geschichte
platon, glaube ich, war krank
familie goebbels mit dem schierlingsbecher
die jahre ziehen die vögel hinter sich her
über die himmel der erde, mit plastik in den mägen
mit öl im gefieder

wir sehen die abgegriffenen türklinken
der regierungspaläste, an denen sich das profil
der hände abreibt, täglich
jagen die nachrichten einander
in den gleichmut der geschichte
atmen wir uns frei von dieser drückenden last
jener verdichtungen der demographie
nach der die altbauten, die kirchen und die höfe
von den abrissbirnen des wirtschaftswachstums
die erde unseres kontinents mit staub aufschütten

die geschichte von der anmut,
zwischen paladio und himmler,
dem offenen brustkorb der architektur
und den monumenten gegen die angst
die angst zu verschwinden im maelstrom
oh trotzende anmut,
tschernyschewskis frage auf den lippen:
was tun?

was tun wenn
aus den französischen panzerluken die lächelenden köpfe,
am kapp, wo man die grenze zu kaufen gedenkt
um der einwanderung, den schiffen, den schiffen
der goldgläubigen afrikaner einhalt zu gebieten
dankt die lokale waffenlobby uns
um jede neue angst und jede neue panik
bis sich der brustkorb der architektur,
die angst, die angst zu verschwinden
im maelstrom, wieder schließt
die anmut eines igels
der seinen körper ballt
einer hand, die nichts mehr bauen wird
was tun?

zwei

‚tu n’as rien vu à hiroshima‘
du hast nichts gesehen, in hiroshima
auf beiden augen blind
zartes frankreich, bittersüßes deutschland
und euer dangerflirt mit dem neuen exorzismus
der die geister der kultur
aus dem gedächtnis treiben soll
dass ihre alten bauten und ideen sich fremd anfühlen mögen

quietschvergnügt die entwicklungshelferlächler
auf den staubsanierten straßen der abgerateten nationen
deren zinssatz munter steigt
und von der lehre, aus dem kalten krieg
dass sich konflikte heute, vor fremden häusern auszutragen haben
vor denen man dann kisten voll
cornflakes und voll aspirin
vergessen liegen lässt

und wie die usa mit der nato
haltet ihr es mit der union
es tobt ein angriffskrieg im innern
nach dem ihr griechenland
und portugal, eben die nur vorneweg
und ein battalion andrer hinten dran
mit lohndumping und billigexport
in den ruin getrieben habt

der neue exorzismus der europäischen währungsunion
der neue marshall-plan, es wirkt
als sei von vornherein
klar gewesen, für manche
dass die einigung auf zeit, das hohle versprechen von sicherheit
eine wirtschaftsfalle war
aus der abhängigkeiten entstehen, von denen ihre opfer sich
auch auf jahre nicht mehr werden frei kämpfen können.

du hast nichts gesehen, in hiroshima
sagt alain renais japanischer akteur
zum französischen gegenpart des films
und doch ; sie berichtet weiter
die hitze von tausend sonnen auf dem platz des friedens
die hitze von tausend sonnen auf dem platz des friedens

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