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Pierrot sitzt am Fenster, sitzt am Fenster und schweigt
die Katze liegt verärgert auf dem Boden und weint
draußen laufen Bürger mit Tüten und ein Musikant
steht und raucht, steht und betrachtet Pierrot
der da sitzt und beide, beide schweigen

Manchmal weiß man um den anderen und liebt ihn dafür
liebt und schaut, Pierrot wird ganz sehnsüchtig und alt dabei
und es sind Momente wie diese in denen sich entscheidet
ob man etwas verliert oder los lässt, meint er zu erkennen
er meint das und lässt los, wie ein Elefant trottet die Schwermut
hinaus und es ist Pierrot, der die Schwermut gern als Elefanten sieht

Der Elefant breitet seine Schwingen aus und fliegt davon
beide, Pierrot und der Musiker, lächeln kaum merklich
der Musiker packt seine Geige und spielt
er spielt einen Fiebertraum von Schubert
die Katze liegt verärgert und weint

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[1. Platz im Literaturwettbewerb des O Livro Literaturforums, zum Thema: Europa]

eins

die anmut der geschichte
ist nicht von der hand zu weisen
so fließt dröge und mäandernd
ein mythos in den nächsten

ich sehe fotografien und gemälde
von den malern, wie sie von der decke schweben
den spanischen soldaten, sie sprühen sprüche auf wände
an der verlassenen barracke steht an eine tür
geschrieben, mad dogs: israel, vietnam
in anmut, die geschichte
platon, glaube ich, war krank
familie goebbels mit dem schierlingsbecher
die jahre ziehen die vögel hinter sich her
über die himmel der erde, mit plastik in den mägen
mit öl im gefieder

wir sehen die abgegriffenen türklinken
der regierungspaläste, an denen sich das profil
der hände abreibt, täglich
jagen die nachrichten einander
in den gleichmut der geschichte
atmen wir uns frei von dieser drückenden last
jener verdichtungen der demographie
nach der die altbauten, die kirchen und die höfe
von den abrissbirnen des wirtschaftswachstums
die erde unseres kontinents mit staub aufschütten

die geschichte von der anmut,
zwischen paladio und himmler,
dem offenen brustkorb der architektur
und den monumenten gegen die angst
die angst zu verschwinden im maelstrom
oh trotzende anmut,
tschernyschewskis frage auf den lippen:
was tun?

was tun wenn
aus den französischen panzerluken die lächelenden köpfe,
am kapp, wo man die grenze zu kaufen gedenkt
um der einwanderung, den schiffen, den schiffen
der goldgläubigen afrikaner einhalt zu gebieten
dankt die lokale waffenlobby uns
um jede neue angst und jede neue panik
bis sich der brustkorb der architektur,
die angst, die angst zu verschwinden
im maelstrom, wieder schließt
die anmut eines igels
der seinen körper ballt
einer hand, die nichts mehr bauen wird
was tun?

zwei

‚tu n’as rien vu à hiroshima‘
du hast nichts gesehen, in hiroshima
auf beiden augen blind
zartes frankreich, bittersüßes deutschland
und euer dangerflirt mit dem neuen exorzismus
der die geister der kultur
aus dem gedächtnis treiben soll
dass ihre alten bauten und ideen sich fremd anfühlen mögen

quietschvergnügt die entwicklungshelferlächler
auf den staubsanierten straßen der abgerateten nationen
deren zinssatz munter steigt
und von der lehre, aus dem kalten krieg
dass sich konflikte heute, vor fremden häusern auszutragen haben
vor denen man dann kisten voll
cornflakes und voll aspirin
vergessen liegen lässt

und wie die usa mit der nato
haltet ihr es mit der union
es tobt ein angriffskrieg im innern
nach dem ihr griechenland
und portugal, eben die nur vorneweg
und ein battalion andrer hinten dran
mit lohndumping und billigexport
in den ruin getrieben habt

der neue exorzismus der europäischen währungsunion
der neue marshall-plan, es wirkt
als sei von vornherein
klar gewesen, für manche
dass die einigung auf zeit, das hohle versprechen von sicherheit
eine wirtschaftsfalle war
aus der abhängigkeiten entstehen, von denen ihre opfer sich
auch auf jahre nicht mehr werden frei kämpfen können.

du hast nichts gesehen, in hiroshima
sagt alain renais japanischer akteur
zum französischen gegenpart des films
und doch ; sie berichtet weiter
die hitze von tausend sonnen auf dem platz des friedens
die hitze von tausend sonnen auf dem platz des friedens

aus dem rasenden zug
geht der blick auf das buschwerk
feingliedrig verwobene fenster
mit rahmen aus ästen und blättern

wir blicken verwundert hinaus
und sprechen darüber
wie die nahtlosen bilder entstehen
aus den häusern dahinter
oder den landschaften aus korn und mais

du fragst ob das denn
wirklich ist
und ich frage was denn
wirklich ist
und dann lachst höhnisch über meinen zynismus
den ich doch nie habe hinein legen wollen in die frage, sie war ehrlich gemeint
und ich bin enttäuscht
hätte mit dir an diesem abend
doch noch die welt in
feingliedrig verwobene fenster
mit rahmen aus ästen und blättern
aus dem rasenden zug
gehen unsere blicke ins feld

und der himmel
feingliedrig verwobene fenster
mit rahmen aus den kondens
– in kürze erreichen wir
streifen der flugzeuge
gefrorene abgase, in feinste kristalle verpackt,
licht brechend, licht brechend
dem horizont seinen schrecken nehmend
wäre dein lachen nicht gewesen
ich hätte darüber
noch gerne mit dir
– feingliedrig verwobene fenster
ich hätte darüber noch gerne mit dir gesprochen
in diesen letzten minuten
und sie hätten nicht genügt

und ich hätte über den bahnsteig hastend,
über meine schulter noch die letzten sätze
dir zu gerufen
diese intimität über die köpfe anderer hinweg
in all ihre ohren
und nur in deinen bliebe dieses klingeln
das einer fahrradklingel, ein einzigartiges
ein katzenglöckchen
meine stimme in der menge
durch stimmen verwobene fenster
aus schall ein erkennen
und wir verblieben dabei, still einvernehmlich
dass der himmel sich ähnlich verhält
wie die häuser
oder die felder aus korn und mais
mir genügt das
– worüber lächelst du?
mir genügt das wissen um die vorstellung
es hätte so
wenn nur dein lachen, meine wut über dein lachen
es will mir genügen, nur die vorstellung weil ich
diesen einen moment nur
diesen ärger nicht schlucken kann und von den eiskristallen
der flieger sprechen, bevor der sackbahnhof uns schluckt
bevor die stadt sich uns einverleibt
und wir wieder hunger bekommen, müde, müde, müde werden
unsere eingeschlafenen füße beginnen zu kribbeln und zu schmerzen
nichts verwoben nur lose verknüpft
die geschwindigkeit der anderen
die mir fremd ist
uns diktiert
– warum lächelst du?
und diktiert
und diktiert
es ist nichts.
es ist nichts, sage ich.

in ihren gerüchen
schwebt die intention
wie ein sanfter druck
an die wand

sie verblassen so viel später
als sie gehen
in den gestützten körpern
klingt ihr lachen hilflos
um die ecken nach

und so werfen alle blicke
die so belanglos sind
die so vieles bedeuten
und wir sind unberührbar
weil ständig neu
weil so umgeben
ach und so verhüllt

aus den winkeln unseres blickfelds
stiert und schuftet der instinkt
er wühlt in den erinnerungen
den blick doch stets nach vorn
sitzt er dort und wartet
sitzt wartend bis zum schluss

ich hätte etwas rufen mögen
zu der zeit
wo das echo ihnen noch
halbe sätze nachgetragen hätte
die sie hätten deuten müssen
und sie hätten es nicht vermocht
zu fern ach
so weit schon fort

zwanzig jahre sind vergangen und
zwanzig jahre sind die worte alt
und ich hätte sie noch sagen mögen
ob es heute wär
ob ich es zwanzig jahre nicht gesagt

durch die trümmerlandschaft geht
in meditation versunken
ein archetyp
das holz bricht fremd
für unsere ohren
innerhalb dieser
viel zu breiten geste
lauschen wir noch inbegriffen in das
und es vermengt sich
zu einem

und weil es in uns
noch wo anders zittert
ganz entfernt, in der erinnerung
fehlt es uns an fähigkeit zur angst
so also
staunen wir

staunen ob des epos
einer nicht erinnerbaren liebe
die sich in träume verschachtelt
und treibsand
die sich in träume verschachtelt
und treibsand
und weiter will es nicht gehen
und von vorne geht es

stolzgeschwellt
am übergang, wo ein schritt noch fehlt
steht die geste
ausgerüstet mit den parabolischen gewehren
dichterischer gewissheit
vorgelehnt, von vorn
gekrümmt, von hinten betrachtet

zwei kümmerliche beinchen
können kaum tragen
können kaum stehen
und ein großer, wiegender kopf
wiegend und schwer

sprechen wir darüber
beschwören wir sie:
goebbels mit hamsuns nobelgold
nobels stiernacken vor goebbels brust
steht die geste
über ihnen
mit einem blick auf die taschenuhr
es wird sich ein gleichnis finden lassen, für das
wenn die bemächtigung einsetzt
müssen sie da sein, die umgestoßenen erinnerungen
und wir werden sie wieder aufstellen müssen
und die geste unsere blaupause
und es wird eine neue choreographie
in die geschichte eingehen

gibt es ein eindeutigeres bild für sulamiths lagertanz
als schatten an den mauern (lagerfeuerschatten, tanzende schatten)
heute, wo erinnerbar erzählt kilogramme blei durch
nervenstränge und muskeln
menschen nahm
zum kollektiven eigentum, der erinnerbarkeit
einer, von gesten bemächtigten, körperlandschaft
fügt
verdichtet
konzentriert
gräbt die geste
schafft eigenschaft um eigenschaft

das haus steht am hang
vor einem kornfeld
sein anblick erinnert uns
dass zeit
ein aggregatszustand ist

auch die familie, die es bewohnt
sucht ein wort dafür
es steht in ihren grauen gesichtern
eine anspannung
die eigene sprache noch nicht gefunden zu haben

ein tisch ist gedeckt,
um seine funktion zu beschreiben.
die schwester spielt eine sonate von schubert,
nebenan weißt die mutter ihr lacken und weint.
vater und bruder haben schicht im erker.

dort kauern die beiden
und schweigen.
dort geht ihr atem ganz flach
und die luft
macht die augen ganz trocken

es hängt am hang ein haus
vor einem kornfeld
als wir einmal klopften,
an der tür,
da fiels schon fast ins meer.

ich kratze mir eine eloge zusammen
aus den resten der letzten vier filme, die ich sah.
den abend trinke ich
und warte durch das rauschen.

es sind die tragenden wände.

ich schneide bahn durch die masse, den raum.
mit meinem trinkspruch im kopf, mit scotch in den beinen
der mund trocknet mir aus.

sie hält das glas wie einen schild in ihrer hand
it is contemporary.
fugt sich in eine öffnung, in ihrer kontur
schließt etwas ab, hört auf glas zu sein.

ich suche einen satz
der ihr gesicht fällt.
eingerahmt, vom glatten haar.
ich will den maelstrom sehen,
hinter der sprunghaften mimik
die licht wie make-up trägt.

man kann so vielem nicht begegnen.
sage ich. komme an.
während hinter mir
der raum schmilzt.

http://videos.arte.tv/de/videos/kuenstler_auf_der_todesliste-3539078.html

1.
was für eine aufstellung
zwischen tür und angel
zwischenräume, halten inne
bleibt stehen als frage
wer zu erst auflegt
das gemeinsame schweigen verlässt

2.
unter dem druck
erwartungen zu produzieren
biegt der moment
sich zu prozessschleifen
zerrätselt wandern wir
die falten ab
mit zu vielen fingern
vor dem spiegel

3.
autobahnfleisch
im rausch zerlebtes
die zähne am graben
mürbes malmen
wo das wir überfahren liegt
fehlt die bremsspur
die ich jetzt so oft zitiere

früher

aktualisierungen per
e-mail anklingen lassen

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